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Teil 4/12: Sprache

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Anthroposophische Perspektiven - In dieser Aufsatzreihe stellen Autoren beispielhaft Perspektiven der Anthroposophie auf das Lebensgebiet ihrer Berufspraxis vor.

Freie Verse: Besetzt Der

Freie Verse: Besetzt Der Autobus Leer Das Herz Lang Der Hals Geflochten Das Band Platt Die Füße … Welch verschiedene Zugangsweisen und Stile für das gleiche, lapidare Thema. Andere Wortwahl, Satzgefüge, Rhythmus et cetera, Sprache ist zu jeder Bewegung fähig und hat dennoch ihre eigenen Gesetze. Sie ist kein Begriffsgerüst, nicht einfach Lautmaterial oder Fertigprodukt, dessen wir uns bedienen. Jedes gewordene Wort geht, indem wir es ergreifen, sofort in Wirkung über. Der Sprecher baut auf, probiert aus, spricht an, geht auf ein Lebendiges zu. »Der Mensch trägt in seiner Kopforganisation ein Abbild des ganzen Weltalls. Er muss es nur wahrnehmen.« Rudolf Steiner im Vortrag am 1. 4. 1922 SPRECHEN UND SPRACHE: PRAKTIZIERTE GANZHEITLICHKEIT Sprache ist eine Ganzheit, ist mehr als die Summe ihrer Teile. Wir addieren nicht Laute und Wörter zu Sätzen, sondern sprechen immer aus einer bewegten Ganzheit heraus. So lesen und hören wir auch. Eine weitere Kostprobe: Leesn Sie mal! Wie enie Stuide eneir Unvisiterät in Eglnand asuasgt, ist es nchit witichg, in welechr Rienefloghe die Bstabchuen in eniem Wrot snid. Wiitchg ist nur, dsas der estre und der leztte Bstabchue an der ritichegn Sletle setehn, der Rset knan vilölg druchenianedr und tlotaer Blönisdn sien. Todzterm knan man den Txet onhe sher goßre Premoble lseen. Das ist so, wiel wir nchit jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snedorn das Wrot als Gnazes. Wie Sie seehn, ghet das wrilkich! (Aus der Postkarte »Rienefloghe«, Discordia, Morsbach). Zur Ganzheit gehört, dass sogar der ganze menschliche Organismus an der Sprache und dem Sprechen beteiligt ist. Wir alle wissen, wie Körpersprache, Bewegung und Sprechen zusammenhängen. Viele wissen nicht, dass das auch den Hörenden betrifft. Rudolf Steiners Sinnesforschung und die Forschung der Sinnesphysiologen der letzten Jahrzehnte haben ergeben, dass wir beim Sprechen unentwegt feinste Bewegungen nicht nur in den Sprechorganen, sondern mit unserem ganzen Leib ma-

Die Mystiker des Mittelalters schufen sich neue Wörter, um Erfahrungen des Nicht-Sagbaren Ausdruck zu verleihen. chen. Wir benutzen nicht nur über hundert Gesichtsmuskeln bei jedem gesprochenen Laut, sondern unseren ganzen Muskelorganismus. Der amerikanische Physiologe William Condon zeigte dies mit Hilfe von Hochgeschwindigkeitskameras. Er fand sogar heraus, dass die gleichen feinsten Bewegungsregungen in den Muskeln beim Hörer ebenfalls auftreten. Diese Bewegungen, die sich vom Kopf bis zu den Füßen ziehen können, bleiben unbewusst. Unabhängig von Sprache und Kultur hat jeder gesprochene und gehörte Laut ein spezifisches Bewegungsbild im ganzen Körper (Wolfgang Held: »Der Resonanzsinn des Menschen«; Zeitschrift a tempo, 10/2005). SPRACHE IST TÄTIGKEIT 2 Sprache tut etwas mit einem, nicht nur der Inhalt. So ergreift die Grammatik die dynamischen Verhältnisse, die Sprachrhythmen geben ganz andere Impulse und Wirkungen. Ihre griechischen Namen weisen noch auf die aktive Tätigkeit hin: »Trochäus« (lang-kurz) heißt griechisch »Läufer«. »Jambus« (kurz-lang) stammt wohl vom griechischen Wort »Schleuderer«. Sprache ist lebendig, sie entwickelt sich sogar weiter. Daraus folgt aber auch, dass Sprachen »sterben« können, wie zum Beispiel Latein. In der Etymologie können wir die schöpferischen Spuren der Sprache nachvollziehen. Jedes Wort hat eine Geschichte, und jedes Wort ist durch die Geschichte gezeichnet. Viele heute geläufige Wörter, wie »begreifen«, »Verständnis«, »Eindruck«, »einleuchten«, »einsehen« et cetera sind zum Beispiel aus der inneren Tätigkeit der Mystiker im 13. und 14. Jahrhundert entstanden. Sie schufen neue Wörter, um ihren geistigen Erfahrungen des Nicht-Sagbaren Ausdruck zu verleihen. Die Sprache hat es mitgemacht, hat der geistigen Erfahrung ein Gewand gegeben. Das setzt sich bis heute fort, von neuen Jugendjargons bis hin zu Wortschöpfungen, wie Globalisierung et cetera. Die nächste Kostprobe: Das einfache Wort »Straße« scheint einen Begriff wiederzugeben. In Wirklichkeit öffnet es eine vielschichtige Welt, einen ganzen Kosmos. Da ist das immer wechselnde 2 »Die Sprache ist, in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, etwas Beständiges und in jedem Augenblick Vorübergehendes (…). Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia) (…). Sie ist nämlich die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den artikulierten Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen.« Wilhelm von Humboldt, Werke, Band 5. Gesicht der Straße: Staub, spiegelnde Nässe, Schnee, Blätter, Sonnenuntergang, die Kurve in den Wald hinein – da ist die stete Bewegung: Autos, spielende Kinder, Fußgänger, Postbote, Müllabfuhr, Pferd – da ist die Welt der Geräusche: Motoren, Gekläff, Geklingel – und unzählige Stimmen, Dialekte, Sprachen, Gespräche aller Art – da sind Erinnerungen, die jeder mit irgendeiner Straße verbindet: Kindheitsglück, Arbeitsweg, frohe Begebenheit, Gerüche, Unfall (Ulrich Häussermann: »Friedensfeier«). Wir erschaffen eine Welt mit einem Wort! Jedes Wort ist Akt, schöpferisch formender Akt des Bewusstseins. Der Schriftsteller Durs Grünbein formuliert das so: »Das Wort ist ein Wegweiser, in der das Universum physikalischer Fakten und die Welt des menschlichen Geistes, der Mythen, Erzählungen und Bilder eins werden« (Durs Grünbein: Booklettext zur CD »Das Schmetterlingstal« von Inger Christensen und Hanna Schygulla). Das muss man vielleicht zweimal lesen, aber Sie haben das bestimmt schon erlebt: Während des Redens kann plötzlich jene ruckartige Spannung entstehen, die alles verwandelt. Auf einmal spricht sich einer unmittelbar aus. Die Worte sind nicht mehr nur überkommenes Erbe, nicht mehr Geschwätz. Es mag die überraschende Wendung in einem Gespräch sein, die dem Menschen, der da spricht, unversehens eine neue Sprache schenkt oder auch nur den Aufbruch eines einzigen »Ja«. Die Worte können auf einmal wie neu entspringen und man horcht auf. Im Sprechen kann jeder an geistige und schöpferische Vorgänge anknüpfen. Das macht ein Fass mit gewaltigen Kräften auf! SPRACHGESTALTUNG Die von Rudolf und Marie Steiner entwickelte Sprachgestaltung (österreichisch für Sprecherziehung) greift alle Aspekte des Sprechens und der Sprache auf. Sie knüpft an eine lange Tradition der Rezitationskunst an, unterstützt und bereichert die Berufsfelder des Schauspiels, der Literaturbühne, der Pädagogik, der Therapie und der Erwachsenenbildung. Die Sprachgestaltung findet auch Anwendung im Sprechen zur Bewegungskunst der Eurythmie, im Sprechen von mantrischen Texten und im Chorsprechen. Die Sprachgestaltung kann den sprechenden Menschen immer durchlässiger machen für alle Dimensionen und Richtungen der Sprache und der Sprachkräfte, die sich im Sprechen offenbaren. Die vielen Sprachgestaltungsübungen 3 haben dabei einen speziellen Ansatz: Sie 3 Die ersten Sprachgestaltungsübungen sind nicht für Künstler, sondern ganz praktisch bei Anregungen für Ansprachen in der Öffentlichkeit entstanden. Rudolf Steiner: »Anthroposophie, soziale Dreigliederung und Redekunst«. SPRECHEN UND SPRACHE 5

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