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Teil 10/12: Heilpädagogik

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Anthroposophische Perspektiven - In dieser Aufsatzreihe stellen Autoren beispielhaft Perspektiven der Anthroposophie auf das Lebensgebiet ihrer Berufspraxis vor.

EINFÜHRUNG Rund zehn

EINFÜHRUNG Rund zehn Prozent der Weltbevölkerung sind Menschen mit Behinderungen, berichte ich meinen Kolleginnen, als wir diese Einführung in das Thema Heilpädagogik und Sozialtherapie beraten. Ein reges Gespräch entspinnt sich. Eine Kollegin sagt, es seien gewiss auch viele alte Menschen, die Hilfe brauchten, außerdem Unfall- und Kriegsopfer. Eine andere erzählt von ihrer Schwester, die sich in einer anthroposophischen Einrichtung engagiert und sich dort um einen mehrfach schwer behinderten Menschen kümmert. Sie bewundere dies, aber sie selbst könnte das nicht. Eine dritte erinnert sich an eine nahezu taube und dadurch auch sprachbehinderte Mitstudentin. Diese habe sich jeweils an die Kommilitonin, die ihr Aufmerksamkeit schenkte, sehr eng angeschlossen, zu eng für ihr Empfinden. Eine vierte Kollegin kennt solche Erlebnisse von Praktika auf Bio-Höfen, die mit betreuten Menschen arbeiten. Ich selbst erinnere mich an mehrere Schuljahre auf dem Gymnasium zusammen mit einem Klassenkameraden, dessen Arme und Beine durch Contergan, das seine Mutter ein einziges Mal während der Schwangerschaft genommen hatte, sehr verkürzt und deformiert waren. Mit dieser bloß körperlichen Behinderung konnte die Klassengemeinschaft gut umgehen. Aber wie ist es, wenn es darum geht, Menschen mit Lernbehinderung, mit Verhaltensauffälligkeiten, mit geistiger Behinderung in den »normalen« Alltag einzubeziehen? Hier bekenne ich mich zu großer Unsicherheit und zugleich zu meiner Bewunderung für Menschen wie ich auch im Freundeskreis einige habe, die ihr Berufsleben dieser Aufgabe widmen. Johannes Denger, selbst Heilpädagoge, sieht diese neuen Entwicklungen als Herausforderung und Chance auch für die Heilpädagogik und Sozialtheraphie auf anthroposophischer Grundlage. Er plädiert engagiert für die in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung formulierten Ziele assistierte Autonomie, Barrierefreiheit und Inklusion – also Teilhabe an allen Lebensbereichen – für Menschen mit jeglicher Form von Behinderung. ››› Manon Haccius I M P R E S S U M Anthroposophische Perspektiven / Zwölfteilige Serie Teil 10: Heilpädagogik – Wer behindert wen? Autor: Johannes Denger Herausgegeben von: Manon Haccius, Alnatura Produktions- und Handels GmbH, Darmstädter Straße 63, DE-64404 Bickenbach, www.alnatura.de Copyright © 2011 by Alnatura Produktions- und Handels GmbH, Bickenbach Gestaltung: usus.kommunikation, Berlin Abbildungen: Rudolf Steiner Archiv, Dornach; Charlotte Fischer (6) Verlag: mfk corporate publishing GmbH, Prinz-Christians-Weg 1, DE-64287 Darmstadt Druck: alpha print medien AG, Darmstadt Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, verboten. Kein Teil des Werks darf ohne schriftliche Genehmigung in irgendeiner Form reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme oder Datenträger verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Herausgebers und des Autors unzulässig. 2

WER BEHINDERT WEN? ANTHROPOSOPHISCH ORIENTIERTE HEILPÄDAGOGIK, SOZIALTHERAPIE UND SOZIALE ARBEIT IM SPANNUNGSFELD DES PARADIGMENWECHSELS IN DER BEHINDERTENHILFE JOHANNES DENGER Die Art und Weise, wie Behinderung gesellschaftlich wahrgenommen wird, ist für das Leben von Menschen mit Behinderungen von entscheidender Bedeutung. Stand früher oft eine Betrachtung im Vordergrund, die Behinderung als »Defekt« ansah, der, wenn möglich, durch »Reparatur« oder Therapie zu beseitigen war, so hat sich der Blick in den vergangenen 15 Jahren radikal verändert. Behinderung wird nun zunehmend als Soseins-Form, als individuelle Variation des Menschseins gesehen. Folgerichtig wird danach gefragt, welchen Beitrag Menschen mit Behinderungen durch ihre je individuellen Lebenserfahrungen und ihr Welterleben zur Vielfalt der Gesellschaft leisten können. Dieser Beitrag wird zunehmend geschätzt. Die Menschheit wäre ärmer ohne ihn. Herrschte in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er-Jahre das medizinisch-kurative Menschenbild vor, das Behinderung generell als eine Art von Krankheit ansah, der man mit den Mitteln der Medizin und der Psychiatrie begegnete, wurde dieses dann bis in die 1990er-Jahre vom pädagogisch-optimistischen Menschenbild abgelöst, das auf Veränderung durch pädagogisch-therapeutische Maßnahmen hoffte. Seit den 1990er-Jahren setzt sich zunehmend das integrativ-inklusive Menschenbild durch, das Menschen mit Behinderungen schlicht in ihrer je eigenen Seinsform anerkennt und als dazugehörig versteht. Eine besondere Verstärkung erfährt dieser Veränderungsprozess durch die Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch die Bundesregierung am 26. März 2009. Der Paradigmenwechsel hat nun eine verbindliche rechtliche Grundlage. NEUE KONVENTION DER UN Welcher Geist lebt in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen? Wenn man sich mit der UN-Konvention beschäftigt, so fällt ein allgemein menschlicher, fortschrittlicher, idealistischer Duktus dieses Völkerrechtsvertrages auf, der den wachen Zeitgenossen unmittelbar ansprechen und begeistern kann. Das kommt nicht von ungefähr. Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, ehemaliger Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte, macht deutlich, dass die Konvention keine Spezialkonvention ist, sondern »sie konkretisiert und präzisiert lediglich den allgemeinen Menschenrechtsschutz für Was ist Heilpädagogik und Sozialtherapie auf anthroposophischer Grundlage? Anthroposophie, recht verstanden, ist keine Weltanschauung, sondern eine Hilfe zur Anschauung der Welt und zur Begegnung mit dem anderen Menschen. In der anthroposophischen Heilpädagogik haben sich seit den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts bewährte und hilfreiche Traditionen und Formen herausgebildet. Das zentrale Motiv – gewonnen durch anthroposophisches Studium, künstlerische Vertiefung und praktische Erfahrung – ist aber unabhängig von bestimmten Formen: Jeder Mensch ist eine einmalige Individualität mit einem unkränkbaren geistigen Wesenskern und hat als solcher die selbst gewählte Aufgabe, im Laufe seines Lebens durch Auseinandersetzung mit seiner ererbten Leiblichkeit und der ihn umgebenden Welt immer mehr mit sich selbst übereinzustimmen und so im Schicksalszusammenhang mit seinen Mitmenschen er selbst zu werden. Die tatsächliche Erfahrung der Individualität des Menschen bringt die Frage nach dem Woher und Wohin, nach der vorgeburtlichen und der nachtodlichen Existenz mit sich. Wer intellektuell redlich mit dieser Frage lebt, kann die Erfahrung machen, dass der dadurch geweitete Blick dem anderen Menschen einen weiteren und freieren geistigen Atem der Entwicklung ermöglicht. Nicht nur auf die materielle Existenz im Hier und Jetzt reduziert zu werden, eröffnet Entwicklungshorizonte gerade auch da, wo durch Behinderung Entwicklung im Sinne eines äußerlichen Erfolges scheinbar versagt bleibt. So ist zu verstehen, dass der üblicherweise verwendete Begriff »geistige Behinderung« in der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie als unzutreffend erlebt wird. Der Geist ist gerade nicht behindert! Es handelt sich vielmehr um eine begleitende Pflege der Seele des anderen – je unterschiedlich beim Kind und beim Erwachsenen –, im Aushalten der polaren Spannung zwischen Körper und Geist sich so zu entwickeln, dass im Dreiklang von Denken, Fühlen und Wollen (Handeln) die Individualität sich in ihrem Sosein verwirklichen kann. HEILPÄDAGOGIK 3

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