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Alnatura Magazin - Dezember 2017

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ZEIT WISSEN »Sonst ist

ZEIT WISSEN »Sonst ist man plötzlich sozial ungenießbar.« Was ist heute eigentlich gutes Benehmen? Wofür genau braucht man es? Und wann sollte man es ablegen? Ein Gespräch mit dem Philosophen Joseph Vogl. Herr Vogl, wir würden gerne mit einer Begriffsklärung anfangen: Anstand, Benehmen, Höflichkeit, Etikette, Manieren – wo liegen die Unterschiede? Joseph Vogl: Auf der einen Seite gibt es das Extrem der Etikette: ein Satz relativ starrer Regeln, so etwas wie Benimmregeln bei Tisch oder Konventionen bei der Begrüßung. Auf dem Gegenpol würde ich Anstand und Manieren sehen. Da geht es vor allem um Geschicklichkeit im Umgang mit anderen Leuten. Darum, eine gewisse Beweglichkeit im geselligen Verkehr zu garantieren. Was ist dabei am wichtigsten? Sich selbst zurückzunehmen. Dass man sich bemüht, dem Ich eine Form zu geben, die nicht am Individuellen klebt, und bereit ist, einen Raum zu öffnen, in dem sich Gegenseitigkeiten entwickeln können. Man muss sich die Gelegenheit, aber auch die Zeit geben – und auch anderen die Zeit geben –, soziale Spielräume zu testen, Anknüpfungen zu ermöglichen. Zeitdruck erschwert gute Manieren. Die Zeit ist oft knapp und man mag nicht immer jeden – wie viel Lüge steckt in guten Manieren? Das würde ich entdramatisieren. Anstand und Manieren, also dieses eigentümliche Theater, das man dabei aufführt, bedeuten eine recht biegsame Vermischung von Ästhetik und Moral. Es werden dabei ganz ernsthaft bestimmte moralische Regeln respektiert, aber gleichzeitig spielt man und produziert bloßen Schein, man operiert mit Masken. Ohne diese Scheinhaftigkeit würde es nicht funktionieren. Aber das würde ich noch nicht Lüge nennen. Kann Höflichkeit auch einfach nett verpacktes Desinteresse sein? Höflichkeit ist zunächst einmal eine diplomatische Abstandsstrategie. Wer höflich ist, umarmt nicht, rückt niemandem auf den Pelz, signalisiert, dass er selbst nicht bedrängt werden möchte. Das heißt nicht, dass nicht später vielleicht mehr denkbar wäre, aber zunächst einmal wird ein Platz freigeräumt, auf dem sich anstrengende Formen der Direktheit, des Handgemenges, der Aufdringlichkeit, der affektiven und physischen Behelligung minimieren. Dienen solche Regeln dazu, sich abzugrenzen? Ein Ursprung von Anstandsregeln sind natürlich Distinktionsbedürfnisse: Man plakatiert Abgrenzungen nach außen und unten, demonstriert eine privilegierte Zugehörigkeit. Das gute Benehmen hätte hier einen hierarchischen, autoritären Kern. Vulgarität kommt von vulgus und vulgus ist das niedere Volk, die Masse. Gutes Benehmen reklamiert also eine Unterscheidung vom Pöbel, vom Vulgären. Und ist damit per definitionem ein Ausschlusskriterium. Der Begriff »Höflichkeit« verweist schon auf eine aristokratische Tugend. Daraus ergäbe sich die These, dass es tatsächlich Verhaltensformen bei Hofe waren, die ins Bürgerliche abgesunken sind: soziale Regeln, die sicherstellten, dass man sich geschickt, leicht, erfolgreich und unfallfrei in schwierigem Gelände bewegt. Wie schafft es ein Mensch, sympathisch zu wirken, wenn er sich ständig kontrolliert? Das waren bürgerliche Tugendkomplexe, Verkehrsregeln für die sogenannte bürgerliche Gesellschaft. Aber vielleicht kann man die produktiven Seiten des aufgeklärten Anstands oder Benehmens hervorheben: Wenn es zuvorkommendes Verhalten ist, so ist es immer auch abwartendes Verhalten. Wenn die Möglichkeit bestehen soll, dass aus bestimmten sozialen Begegnungen etwa Freundschaften werden, über alle Brüche, Entfernungen, kulturellen, sozialen oder sexuellen Unterschiede hinweg, dann braucht es Zeit. Der Feind muss sofort erkannt werden, aber Freundschaft benötigt das Abwarten. Sie ist nie von vornherein da, sondern verlangt Entwicklungszeiten, Wachstumszeiten. Anstand wäre eine Wachstumsbedingung für Freundschaft. Gibt es einen Bereich, in dem Manieren derzeit konsequent abgebaut werden, weil sie nicht mehr passen? Ein Bereich wäre die Wirtschaft. Das Geschäftsleben ist ein radikal anstandsloser Betrieb, weil es dort um die Entfesselung ganz anderer Verhaltensweisen geht: Egoismen, Eigeninteressen, Begierden. Besonders schlimm ergeht es dem Konsumenten, der per definitionem würdelos ist oder sein muss: Von Großkonzernen wird er geduzt, er wird auf seine Geilheit reduziert, als Schnappmaul und Schnäppchenjäger angesprochen. Hier herrscht das Appetitive, die Niedrigkeit, das Gegenteil von Anstand. 38 Alnatura Magazin 12.2017

November / Dezember 2017 NR. 06 Das schwappt gerade auch in die Politik hinüber: die Lust daran, sich sowohl würdelos zu verhalten als auch intellektuell würdelos zu geben. Die Politik ist immer ein ganz guter Indikator dafür, wie es mit den Anstandsreserven bestellt ist. Etwas zugespitzt formuliert, ist Anstand im gesellschaftlichen Bereich das, was in der Politik die Diplomatie ist. Diplomatie heißt ja zunächst mal, die Verhandlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten und damit die Möglichkeit von Versöhnung und Friedensschluss. Im Augenblick kann man angesichts der anschwellenden Kriegsrhetorik merken, wo der Verhandlungsspielraum in der Politik radikal vernichtet wird. Allerdings schweigen die politischen Gegner ja nicht: Sie schimpfen übereinander, ohne miteinander zu sprechen. Das ist die gegenläufige Bewegung: Man intensiviert den sozialen Verkehr – der Stammtisch ist eine Urszene dafür –, um Eskalationen herbeizuführen. Man möchte durch die Erhöhung von Reibungsintensität Eskalationsbewegungen herstellen, man möchte das Recht haben, lauter zu werden. Und das kann man nur im Chor, in der Gruppe, im Gegröle. Ein Beschimpfungswettbewerb, keine Diplomatie. Revolutionen gäbe es nicht, wenn sich alle an die Anstandsgebote halten würden. Genau, wir tun ja jetzt so, als ob Anstand immer nur etwas Gutes wäre. Aber Anstand bedeutet auch, nie das Grundsätzliche anzusprechen. Prinzipielle Fragen nicht zu stellen, garantiert das Gehege, in dem sich der Anstand bewegt. Und da gibt es natürlich Grenzen: bei Klassenkonflikten, sozialen Bewegungen, Grundsatzfragen, Revolutionen. ››› Joseph Vogl wurde 1957 in Eggenfelden/ Niederbayern geboren und lebt heute in Berlin-Kreuzberg. Er ist Philosoph, Kultur- und Medienwissenschaftler und Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuvor war er unter anderem Professor für Geschichte und Theorie künstlicher Welten an der Bauhaus-Universität in Weimar. Das Interview mit Joseph Vogl führten Katrin Zeug und Andreas Lebert von ZEIT WISSEN (ZEIT-WISSEN-Ausgabe 06/2017). Das Interview mit Joseph Vogel führten Katrin Zeug und Andreas Lebert von ZEIT WISSEN (ZEIT WISSEN-Ausgabe 06/2017) WISSEN Das will ich WISSEN Gesundheit, Psychologie, Forschung und Gesellschaft – entdecken Sie in ZEIT WISSEN faszinierende Reportagen, anregende Interviews und ausdrucksstarke Bilder, die Ihr Leben bereichern. Sichern Sie sich jetzt Ihre Gratisausgabe! Gute Manieren Wie wir in Zeiten wie diesen miteinander umgehen sollten. Ein Update Die Lebensmittel-Uhr Achten Sie bei Ihrer Ernährung auf den Inhaltsstoff Zeit. Entscheidend ist die richtige Dosis WISSEN ABNEHMEN Wie INTERVALL- FASTEN funktioniert Einfach Gutschein-Code ZW944AN12 unter zeit.de/ zw-gutschein eingeben. HÖRST DU DIE SIGNALE? Die Botschaften des Körpers richtig verstehen Foto: Peter Rigaud Alnatura Magazin 12.2017 39

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